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2009 entdeckten Wissenschaftler Reste einer unbestimmten Substanz darin. Hat man das Parfum der alten Ägypterin entdeckt? Oder enthielt der Fund andere Überraschungen? Eine wissenschaftliche Untersuchung, spannend wie eine Detektivgeschichte.
Manche Schätze offenbaren ihren Wert erst auf den zweiten Blick. Wie zum Beispiel ein unscheinbares Tongefäß, das sieben Jahre zur Dauerausstellung des Ägyptischen Museums in Bonn gehörte. Das kleine Behältnis stammte aus dem persönlichen Besitz der mächtigen Pharaonin Hatschepsut, die um 1480 vor Christus über das Reich am Nil herrschte. Lange Zeit ahnte niemand, welches Geheimnis der Flakon in sich trug. Erst 2009 und mit dem neuen Sammlungsleiter Michael Höveler-Müller schlug die große Stunde des kleinen Fläschchens: Der Ägyptologe wollte vor allem einer vermeintlichen Verstopfung im Gefäßhals auf den Grund gehen. Seine Vermutung: Es könnte sich vielleicht um den Original-Lehmverschluss und damit um einen unversehrten Flakon handeln. Während einer CT-Untersuchung ließ er das Gefäß gründlich durchleuchten – und der Verdacht von Höveler-Müller wurde mehr als bestätigt: Das Gefäß war nicht nur vollkommen intakt; es enthielt sogar den eingetrockneten Rest einer Flüssigkeit.
Doch um was für eine Flüssigkeit handelte es sich? Womöglich um das Parfum der Pharaonin, einen Duft, der Jahrtausende in dem kleinen Flakon überdauert hatte? Bekannt ist, dass unter der Herrschaft von Hatschepsut Düfte in Ägypten neue Anwendungsgebiete eroberten und damit an Bedeutung gewannen. Nicht länger setzten die Ägypter sie ausschließlich für rituelle Zeremonien ein, sondern verwendeten sie in Salben und Pomaden auch als Duft für die Lebenden. Doch wie mag ein solches ägyptisches Parfum wohl gerochen haben? Nach Weihrauch, dem duftenden Luxusgut, für dessen Beschaffung Hatschepsut gefährliche Expeditionen bis nach Ost-Afrika veranlasste? Mit einem solchen Duft hätte die Herrscherin ihre Macht und ihren göttlichen Status unterstreichen können. Die Bonner Wissenschaftler hofften, mit dem unerwarteten Fund mehr über historische Duftkompositionen zu erfahren – und das Parfum der Pharaonin nach mehr als 3.500 Jahren rekonstruieren zu können.
Pharaonin Hatschepsut herrschte um 1480 vor Christus über das Reich am NilIm Sommer 2009 ging es dem historischen Gefäß an den Kragen: Spezialisten der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde der Universität Bonn entnahmen in einem endoskopischen Eingriff eine Probe des kostbaren Inhalts. Die Untersuchung der Substanz war ein Fall für Dr. Helmut Wiedenfeld. Zusammen mit seinem Team am Pharmazeutischen Institut prüfte der Wissenschaftler die historische Mixtur zwei Jahre lang auf Herz und Nieren. Eine Arbeit, die viel Fingerspitzengefühl erforderte: Denn schließlich konnten die Wissenschaftler nur mutmaßen, auf welche Stoffe sie den Fund testen sollten. Eine weitere Herausforderung war die geringe Menge der Substanz. Da nur eine kleine Probe für die Analysen zur Verfügung stand, war die Anzahl der möglichen Tests begrenzt. Doch das Team von Dr. Wiedenfeld fand auch hier eine Lösung: Mit Voranalysen konnten sie bestimmte Stoffgruppen von vornherein ausschließen und kamen so auf die richtige Spur.
Das Ergebnis ihrer Untersuchungen erstaunte selbst die Wissenschaftler: Statt eines Parfums fanden sie ein Gemisch aus Palmöl und Muskatnussöl – eine Mixtur, die viel zu viel Fett für ein Parfum enthielt. Auch Weihrauch oder Myrrhe, die als Duftstoffe infrage kamen, suchten die Wissenschaftler vergebens. Stattdessen: ungesättigte Fettsäuren, die heute noch für ihre lindernde Wirkung bei Hauterkrankungen bekannt sind. Auch Kohlenwasserstoffe aus Teer und dem verwandten Bitumen fanden die Wissenschaftler in der Rezeptur. Genau wie ungesättigte Fettsäuren gilt Teer als effektiver Wirkstoff bei chronischen Hauterkrankungen. Doch beim Gebrauch ist Vorsicht geboten. Denn Teer enthält auch Benzo(a)pyren, das für seine krebserregende Wirkung bekannt ist – weshalb teerhaltige Medikamente heute nur noch ärztlich verordnet werden. Genau diesen gefährlichen Stoff konnten die Wissenschaftler aber in großen Mengen nachweisen.
Das unscheinbare Tongefäß gehörte sieben Jahre zur Dauerausstellung des Ägyptischen Museums in BonnGemeinsam fügten Archäologen und Pharmazeuten die Indizien zusammen. Ihre Hypothese: Bei dem geheimnisvollen Inhalt des Flakons handelte es sich um eine Hautpflegelotion oder um ein Medikament. Dass die Pharaonin Hatschepsut unter einer Hauterkrankung litt, war bekannt. Zu ihrer Erkrankung passten Inhaltsstoffe wie Teer und ungesättigte Fettsäuren, die die typischen Symptome hätten lindern können. Da die Ägypter jener Epoche keine besonders guten pharmazeutischen Kenntnisse besaßen, musste die Creme ein Import sein – wahrscheinlich ließ die Monarchin die Rezeptur aus dem Zweistromland einführen. Die Folgen waren vermutlich fatal: Denn Hatschepsut erkrankte an Krebs und starb vermutlich daran. Wurde die Krankheit durch die gefährlichen Inhaltsstoffe in ihrer Lotion ausgelöst? Hat sich Hatschepsut mit ihrem Medikament zu Tode gecremt? Aufgrund der krebsauslösenden Wirkstoffe halten die Bonner Forscher dies für wahrscheinlich. Und auch, wenn sie kein Pharaonenparfum entdeckt haben, so lieferten sie doch ein weiteres, wichtiges Indiz für den Krebstod der Hatschepsut – und zeigten, wie spannend historische Forschung sein kann.
Der Name „Parfum“ verrät viel über den Ursprung der duftenden Essenz: Das lateinische „per fumum“ bedeutet soviel wie „durch Rauch“. Und tatsächlich wurden duftende Substanzen zunächst über Feuer verbrannt, um ihren Wohlgeruch freizusetzen.
Schon 5.000 Jahre vor Christus erbrachten die Ägypter solche Rauchopfer aus Harzen und Pflanzenessenzen zu Ehren des Sonnengottes Ra. Aber auch bei religiösen Salbungen, medizinischen Behandlungen und später zur Körperpflege wurden Duftöle und -mischungen verwendet.
Über die Kreuzfahrer und neue Handelswege gelangten die Essenzen schließlich auch nach Europa. Hier entwickelten Parfumeure und Alchemisten immer bessere Verfahren, um neue Düfte zu erzeugen. Dennoch blieb Parfum für lange Zeit ein Luxusartikel. Schwere Duftwässerchen, die Körpergerüche überdeckten, gehörten am Hof von Ludwig XV zur täglichen Toilette – ganz im Gegensatz zu Wasser und Seife. Mit der Aufklärung kamen frische Düfte wie das berühmte Kölnisch Wasser in Mode.
Um 1870 entstanden die ersten synthetischen Duftstoffe, die den Parfümeuren ganz neue Möglichkeiten eröffneten und schließlich Parfums für weniger Betuchte erschwinglich machten.
Auch Modeschöpfer entdeckten die Welt der Düfte für sich und brachten mit ihren Kollektionen passende Düfte auf den Markt – allen voran Coco Chanel. Ihr No. 5 gehört noch heute zu den bekanntesten Parfums überhaupt und gilt als Wegbereiter für die enge Liaison von Duft und Mode.