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Der Skulpturen-Park vor Grenada ist weit mehr als eine ungewöhnliche Touristenattraktion, denn auch die Natur verändert die Objekte ständig. Auf den Statuen werden sich im Laufe der nächsten Jahre Korallenriffe bilden – so kommt das Ökosystem wieder in Schwung.
Ein Mann sitzt an einem Tisch und tippt auf einer Schreibmaschine – eine scheinbar völlig belanglose Situation. Sind der Mann, die Maschine und der Tisch jedoch aus einer Zementmischung gegossen und befinden sich sieben Meter unter der Wasseroberfläche, sollte der Besucher vor Staunen nicht den Mund öffnen: Er könnte dabei Salzwasser schlucken.
Der Mann am Schreibtisch ist „The Lost Correspondent“.Der Mann am Schreibtisch ist „The Lost Correspondent“ und eine Figur des Künstlers Jason de Caires Taylor. Sie gehört zum weltweit ersten Skulpturen-Park unter Wasser. Taylor errichtete den Park im Mai 2006 am Moilinere Bay an der Westküste von Grenada, einer Insel der kleinen Antillen. Die 65 Skulpturen sind auf einer Fläche von 800 Quadratmetern auf dem Meeresboden installiert, die Besucher müssen tauchen, um die Werke betrachten zu können: Der Standort der tiefsten Figur liegt knapp acht Meter unter der Wasseroberfläche.
Der Skulpturen-Park unter Wasser ermöglicht ein völlig neues Erleben von Kunst. Statt durch endlose Gänge eines Museums zu schreiten, zieht der Besucher hier in Badesachen mit großen Schwimmzügen durch klares Meerwasser. Die Anzahl der Perspektiven, aus denen er die Werke betrachten kann, ist fast unerschöpflich. Und auch die Optik ist eine unerwartete: Unter Wasser erscheinen die Skulpturen um 25 Prozent größer, als sie es in Wirklichkeit sind.
„Sienna“, eine auf dem Meeresboden kniende Frau, besteht lediglich aus einzelnen Metallsträngen. © Jason TaylorWer ohne Schnorchel oder Sauerstoffflasche einen Einblick bekommen möchte, kann sich im Glasbodenboot zu den Figuren schippern lassen. Und schon beginnt das Abenteuer: Dem Betrachter eröffnet sich ein mystischer Anblick, wenn die Figuren scheinbar aus dem Nichts heraus auftauchen. Und nichts bleibt, wie es ist: Die Skulpturen scheinen sich je nach Lichteinfall und Perspektive zu verändern. Tiefe, Wetterverhältnis und Strömung bestimmen die Variation der Farben.
Schon nach kurzer Zeit sieht sich der Besucher von Figuren umringt. Sie liegen mit geschlossenen Augen auf dem Rücken am Meeresboden und sind, je nach Strömung, entblößt oder mit Sand bedeckt. Eine Skulptur auf einem Fahrrad scheint ein steiles Korallenriff hinabzusausen. Eine unheimliche Dame mit großem Hut taucht hinter einer Sandwolke auf. Und schließlich erreicht der Unterwasserbesucher das imposanteste der Werke: 26 lebensgroße Figuren, die mit dem Rücken zueinander im Kreis stehen und sich an den Händen halten. Um sie herum schwirren farbenprächtige Fische und Meeresschildkröten. Die Szene scheint aus einer untergegangenen Welt und einer anderen Zeit zu stammen. Die Stille unter Wasser schärft die Wahrnehmung. Der Zauber des Tauchgangs wird durch den Auftrieb und die Schwerelosigkeit noch verstärkt.
Der Skulpturen-Park vor Grenada ist weit mehr als eine ungewöhnliche Touristenattraktion, denn auch die Natur verändert die Objekte ständig. © Jason TaylorDer Umwelt ausgesetzt, verändern sich die Figuren und definieren die Unterwasserlandschaft neu. Es bilden sich Ablagerungen, auf denen Pflanzen und Tiere ansässig werden. Die Kunstwerke entwickeln sich zu künstlichen Korallenriffen. Krabben, Fische und Seeigel bevölkern Gesichter und Körper. So wird Kunst zu Natur und Natur zu Kunst. Beide verschmelzen im ökologischen Prozess. In einigen Wochen werden die Skulpturen wieder eine andere Identität haben.
Da ist zum Beispiel „Sienna“, eine auf dem Meeresboden kniende Frau, die lediglich aus einzelnen Metallsträngen besteht. Das Wasser kann ungehindert durch ihren Körper strömen. So entsteht ein Habitat für verschiedenste Lebewesen. Die Figur entwickelt sich durch die Organismen, die sie bewohnen, weiter. Ein anderes Werk, das den ironischen Titel „The Un-Still Life“ trägt, ist die einzige Skulptur, die nicht die Gestalt eines Menschen hat. Sie stellt ein Stillleben dar: Ein Tisch, auf dem eine Vase, eine Schale und Früchte stehen. Im Kontrast zu der etablierten Idee des Stilllebens, das „still steht“, verändert sich „The Un-Still Life“. Es ist ein „work in progress“.
"Zoya", "Fall from Grace", "Aqua multi" © Jason TaylorDer Bildhauer Jason Taylor hat bereits Pläne für eine neue Serie von Skulpturen. Diesmal sollen sie sowohl unter Wasser als auch an Land errichtet werden. Ort des Geschehens ist die italienische Provinz Crotone im Südosten des Landes. Die Küstenlinie von La Castella und Capo Colonna hat eine reiche Unterwasserwelt, die viele Taucher anlockt. Doch bis zur ersten Vernissage in Italien gibt es noch viel zu tun. In seinem Studio in London kreiert Taylor die neuen Figuren. Er experimentiert dieses Mal mit Materialien wie Glas und Harz, die das Licht brechen. Diese werden dem zweiten Skulpturen-Park unter Wasser farbenprächtige Reflexionen verleihen. Kunstliebhaber und Taucher dürfen gespannt sein.
Multitalent Jason de Caires Taylor: Bildhauer, passionierter Taucher und Fotograf. © Jason TaylorWenn ich morgens meine Augen öffne, denke ich darüber nach, was ich frühstücken werde und liege wahrscheinlich noch für weitere zehn Minuten im Bett. Ich bin ein aufgeschlossener, hart arbeitender Mensch und habe meinen Beruf gewählt, weil ich weiß, dass ich gut in dem bin, was ich tue, was mir ein echtes Gefühl von Erfolg gibt. Am meisten Spaß macht es mir dabei, meine Arbeit zu fotografieren und die Wechselwirkung zwischen der Natur und den Skulpturen zu beobachten. Und es ärgert mich, wenn Leute ihr Boot über meinen Statuen verankern. Auf meine Freundin, die mit mir durch dick und dünn geht und mich unterstützt, bin ich besonders stolz. Und Freunde und Familie sind das Zentrum meines Lebens. Ausspannen kann ich gut auf einem Spaziergang durch die Englische Countryside, weil ich mich dort, umgeben von den rauen Elementen, am wohlsten fühle. Wahre Schönheit ist für mich, auf das Meer hinaus zu blicken, wenn die Morgendämmerung herauf bricht, denn ich glaube, dass eine weite Landschaft die Seele zufrieden stellt. Wenn ich für einen Tag über den Klimawandel bestimmen dürfte, dann würde ich verpflichtende Gesetze für ein umweltverträgliches Leben verabschieden. Ich bin ein sehr guter Koch, und ein gutes Mahl ist für mich ein Braten mit einem guten Wein und hervorragender Gesellschaft. Ich kann gut über die Ironie in der Tragik lachen. Außerdem denke ich viel darüber nach, die Stadt zu verlassen, aber selten über die öffentlichen Verkehrsmittel in London. Eine Welt ohne Visionen kann ich mir nicht vorstellen. Und am ehesten verzichten könnte ich auf Pessimismus. Glück sind für mich Leute, die den Mut haben, Dinge wahr werden zu lassen. Nachdem ich den Fragebogen ausgefüllt habe, werde ich mir eine heiße Schokolade machen und schlafen gehen.