Direkt zum Inhalt

Direkt zur Navigation

The trend and lifestyle site, inspired by symrise
Maurice Roucel
MAURICE ROUCEL

INTERVIEW MIT EINEM PARFÜMEUR

„Live life and don’t look back“ ist das Lebensmotto von Maurice Roucel, Starparfümeur bei Symrise in New York. Und Rückblick ist seine Sache nicht. Sein Stil, Düfte zu kreieren, gilt in der Branche als mutig und furchtlos. Zusammen mit seinem Team entwickelt er inspirierende, richtungsweisende Duftkreationen.

Monsieur Roucel, Parfums bestehen immer noch aus dem Duft von Wiesen und Wäldern, Früchten und Blumen oder Wasser und Holz. Aber die traditionelle Parfümerie hat den Schritt in das 21. Jahrhundert vollzogen. Welche neuen Herausforderungen sind damit für d

Das stimmt doch gar nicht! Seit mit Chanel No 5 in den zwanziger Jahren die Aldehyde Einzug in die Parfümerie gehalten haben, sind Parfums viel abstrakter geworden und voller Inhaltsstoffe, die man eben nicht in der Natur finden kann. Anders als in der Malerei, wo man mit gegenständlicher Darstellung begann und dann später zur kubistischen oder abstrakten Malerei kam, markierten abstrakte Kompositionen wie Jicky oder Chanel No 5 den Beginn der modernen Parfümerie. Heute ist beim Verbraucher eher der Wunsch nach „Wiedererkennung“ spürbar, er will ein „gegenständliches“ Parfum, das ihn an etwas erinnert, das er kennt. Hier bietet uns die Natur unendlich viele Duftvorbilder. Auch der Lebensmittelbereich spielt wieder stärker in die Kreation von Düften hinein. Abstrakte Düfte stellen auf jeden Fall immer eine Herausforderung dar, denn sie sind vom Verbraucher nicht „gelernt“ und nur schwer einzuordnen und wiedererkennbar. Menschen haben gemeinhin Angst vor dem Neuen, Unbekannten …

Parfums folgen dem Zeitgeist. Duft und Mode hängen eng zusammen. Inspiriert Sie die Mode bei Ihren Kreationen?

Nur bedingt. Parfums sind heute oft „Accessoires“ der Mode, Anhängsel an eine Kollektion, an den gerade vorherrschenden Trend. Das war nicht immer so, man denke an die großen Modehäuser wie Chanel, Houbigant oder Yardley, in denen Parfums kreiert wurden, die der Mode dieser Häuser in nichts nachstanden. Die kurzlebige Modebranche macht auch den Lebenszyklus der Parfums kürzer – da gibt es Sommer- und Winter„kollektionen“, schwere und leichtere Varianten eines Duftes. Der Zeitgeist, ja, der inspiriert mich, die Mode weniger.

Wonach müsste denn ein zeitgemäßes Parfum Ihrer Meinung nach duften, das den heutigen Lebens- und Arbeitsbedingungen entspricht?

Es muss eben diesen Zeitgeist treffen. Als Parfümeur muss man den gesellschaftlichen Entwicklungen folgen können und offen sein für alles, in dem sich Zeitgeist ausdrückt: Werden die Autos wieder kantiger, eckiger, maskuliner, dann sollten es auch die Düfte sein. Ein „Alliage“ ist ein typischer Duft für die grüne Bewegung nach 1968, ein „Charly“ verkörperte das Lebensgefühl einer ganzen Frauengeneration. Heute sind Gesundheit, Wellness, Anti-aging die angesagten „Werte“, aber auch Authentizität und unaufdringliche Leichtigkeit – das lässt sich sehr schön in Duft übersetzen.

Stichwort Globalisierung: globale Schönheitsideale, globaler Duft. Kann es das Ihrer Ansicht nach überhaupt geben?

Das ist ein frommer Wunsch schlauer Marketing- und Vertriebsstrategen. Ich bin Parfümeur, ich beschäftige mich gar nicht mit solchen Dingen – 1 Duft für die ganze Welt? Niemals! Als Kreativer ist man automatisch gegen Globalisierung, gegen Gleichmacherei, gegen Uniformität. Eigentlich hätte jeder Mensch sein eigenes, individuelles Parfum verdient.

Maurice Roucel

Das Parfum der Zukunft. Welchen Anspruch müsste es Ihrer Meinung nach erfüllen: Der beständige Klassiker oder das immer Ultra-Neue?

Jedes Jahr kommen weltweit 400 neue Düfte auf den Markt, aber nur sehr wenige überleben. Für einen lebendigen Parfümmarkt, für eine den Verbraucherwünschen angemessene echte Auswahl brauchen wir sicher beides: einerseits die gewachsene, beständige Marke mit gutem Namen, attraktiver Verpackung, ansprechender Werbekampagne und einem kreativen Duft, an den man sich erinnert – Chanel No 5 ist hier wieder ein gutes Beispiel. Und andererseits den vielleicht vergänglicheren, aber gerade „hippen“ Duft. Die Parfümerie hat da etwas von der Musikbranche: Da gibt es die Top 10, in denen ein Song vielleicht nur einen Tag bleibt, vielleicht aber auch für einen Monat. In einer Zeit, in der Hip Hop angesagt ist, ist man mit Walzer wahrscheinlich nicht sehr erfolgreich. Aber 99% der Songs unter den Top 10 werden zwei Jahrzehnte später sicher nicht mehr gespielt oder gehört – das wiederum schafft Beethovens 5. Symphonie. Um also auf Ihre Frage zurück zu kommen: Beides hat im Markt nebeneinander Platz und eine Daseinsberechtigung.

Sie sitzen mit einer international renommierten Trendforscherin, wie zum Beispiel Li Edelkoort, bei einem Glas Wein zusammen. Was wollen Sie von ihr wissen, außer dem nächsten Trend?

Zunächst einmal würde ich ihr sagen, dass ich mich niemals sklavisch einem Trend unterworfen habe. Um aber ein erfolgreicher Parfümeur zu bleiben, würde ich sie bitten, in ihre Kristallkugel zu schauen und mir zu sagen, was genau ich tun soll, um einen kommerziell erfolgreichen Duft zu kreieren. Aber Achtung, liebe Frau Edelkoort, ich will KLARE Antworten! Kommen Sie mir nicht mit „Neben rot wird auch weiß eine große Rolle spielen, und schwarz und blau liegen ebenso im Trend“. Sehen Sie, das genau ist es doch, was Trendforscher tun: Sie legen sich nicht fest. Abschließend würde ich ihr noch sagen, dass ich gern das Honorar hätte, das sie mit solchen Voraussagen bekommt …

Parfümeure sind Sinnes- und Genussmenschen. Was bereitet Ihnen den größten Sinnes-Genuss?

Mein größter Genuss ist es, wenn alle meine Sinne angesprochen und befriedigt werden. Ich bin ein multisensueller Mensch. Ich liebe Musik, ich esse und trinke gern (auch ohne Frau Edelkoort), ich liebe schöne Stoffe und Texturen, und ich bin natürlich allem voran Geruchsmensch. Am ehesten könnte ich wohl auf das Sehen verzichten – obwohl, nein, was sage ich, ich liebe es, schöne Landschaften, schöne Menschen und besonders schöne Frauen zu betrachten!

Wo finden Sie persönlich Inspiration? Wie laden Sie Ihre Kreativität wieder auf?

Immer und überall. „Inspiration ernährt sich von der Inspiration“. Das ist wie ein Muskel, den man trainiert. Ich kann nicht mehr durch´s Leben gehen, ohne mich inspirieren zu lassen. Herumlaufen reicht. Offen sein. Dinge, Menschen und Stimmungen an sich heranlassen.

Wie würden Sie den Satz beenden “Making a perfume is like …

… making a baby.“ Ich bin dabei gern zu zweit, brauche einen Partner (attraktiv wäre nicht hinderlich), der sich mit mir auf einer Ebene bewegt. Ich habe Spaß daran, und es beflügelt mich, im Team zu arbeiten – es geht dabei um Vertrauen, um Intensität, um Leben, um Intuition. Wenn beide mit Liebe an einem Parfüm gearbeitet haben, wird das Ergebnis wunderbar. Allein Arbeiten ist wider die menschliche Natur. „Selbstbefriedigung“ ist keine Alternative … Und jedes Parfum ist irgendwie ein Teil von mir – mein „Baby“.