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Unsere Küche: Längst dient sie zu weit mehr als nur zum Kochen. Ganz wie einst, als Herd oder Feuerstelle der Mittelpunkt eines Haushaltes waren, erlebt die Küche seit einigen Jahren eine Wiedergeburt: als multifunktionaler Ort, der Aktivitäten, schönste Wohnlichkeit und High-Tech raffiniert vereint.
Die Küche war nie nur ein Raum. Sie ist eine Welt, in der es um weitaus mehr als ums Kochen, das Lagern von Lebensmitteln, um womöglich lästige Verrichtungen wie den Abwasch geht. Im alten Japan steht „kamado“ , der Ofen, als Begriff stellvertretend auch gleich für Familie und Haushalt. Im europäischen Barock lassen sich die Adligen großartige Schauküchen errichten, in denen sie ihre die kostbaren Fayencen präsentieren. Und die Chinesen huldigen seit Jahrtausenden ihrem Küchengott, der beständig ein prüfendes Auge auf Haushalt und Familie wirft, und dem zu Ehren sie bis heute festlich und farbenfroh das „Kleine Neujahrsfest“ begehen.
Die Küche hat ihre Kultur geschaffen und eigene Traditionen. Die Menschen haben ihr die Bedeutung verliehen; aber die Technologie hat ihre Geschichte geprägt. Denn am Wegbeginn der Küche in unsere heutige Zeit stand das Feuer: eine offene Feuerstelle, ein Lehmofen, eine Kochstelle aus Ziegeln im Freien. Das Feuer wanderte in die Häuser, wurde zur Elektrizität; aus dem Ofen erwuchs der Herd, das Kernstück jeder Küche. Deren einzelnen Bestandteile – Herd, Wasserstelle, Schränke – wurden miteinander verbunden, und das Ergebnis war eine Revolution: die zeilenförmige Frankfurter Küche der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, die der modernen Frau von 1926 Arbeit und Wege sparen sollte. Formen wurden weiter standardisiert, Baugrößen normiert – und schließlich war sie da: die Systemküche, die uns bis heute begleitet.
Wohnen, so sagen Trendforscher, bedeute, seine Identität auszudrücken, und die Küche ist ein Teil davon. Sie ist Spiegel der Persönlichkeit, und sie steht für den Wunsch nach Gemeinsamkeit und Geselligkeit. Photos: FotoliaDie Küche von der Stange ist die Norm, aber heute wird sie bestmöglich individualisiert. Die Küche fordert Hersteller zur Gestaltung heraus. Design- und Wohntrends halten Einzug und sorgen für Abwechslung auf dem Markt wie auch Begehrlichkeit beim Konsumenten. Internationales Design nimmt sich der Küche an und erzeugt unzählige Spielarten: Küchen, die aussehen wie Labore oder wie Werkstätten. Küchen wie einst zu Großmutters Zeiten. Oder Küchen als elegantes Wohnzimmer, hinter dessen edlen, hölzernen Schrankfronten sich Töpfe, Tassen und vor allem: allerfeinste High-Tech verbergen.
Tatsächlich wird die moderne Küche gern zum Showroom für erstaunliche Lösungen in Sachen Nahrungszubereitung. Der Ofen kombiniert Mikrowelle mit Grill, Backofen oder womöglich Dampfgarer. Der Herd vereint Gasflamme und Induktionstechnologie, und integriert dazu noch funktionale Highlights aus den kulinarischen Traditionen der Welt – die eingebaute Wok-Mulde oder das japanische Tappan Yaki. Die Dunstabzugshaube ist ausfahrbar und verschwindet nach Benutzung praktisch unsichtbar in der Arbeitsplatte. In der Schublade verbirgt sich ein Speisen- oder Geschirrwärmer. Der Kühlschrank bietet mindestens drei Kältezonen und wird von innen mit LEDs indirekt und energiesparend beleuchtet. Motorbetrieben verschwinden Elektrogeräte sanft surrend in ihren Laden. Anti-Fingerprint Oberflächen sorgen für Pflegeleichtigkeit. Zwischen den Schränken taucht ein stimmungsvolles, sich farbig anpassendes Licht die Küche in mystisch-gemütlichen Glanz. Und dass auch hier TV-Gerät, Radio, CD-Player, Internetanschluss und Computerbildschirm Einzug halten, ist fast schon selbstverständlich.
Eine moderne Küche ist ein bisschen wie ein Auto, dessen Sonderausstattung man sich voller Stolz zusammenstellt – und wenn die Küche mit genügend technischer Finesse ausgestattet ist, kann sie leicht ebenso kostspielig werden und gerät, wie das Auto, zum Statussymbol. Aber jenseits dessen, was der Mensch wirklich zum Kochen braucht: Die Küche ist heute glücklicherweise wieder mehr als der Ort der reinen Funktion, zu dem sie im Laufe ihrer Geschichte schon einmal wurde – einer industriellen und Welt-Geschichte, in der Nahrungsaufnahme für viele Menschen eine Notwendigkeit war, und die Nahrung selbst nur knapp oder von schlechter Qualität. Wenn Gesellschaften das Kochen heute als Selbstzweck und Lust erleben, dann ist das ein Luxus, den der Wohlstand bringt.
Wohnen, so sagen Trendforscher, bedeute, seine Identität auszudrücken, und die Küche ist ein Teil davon. Sie ist Spiegel der Persönlichkeit, und sie steht für den Wunsch nach Gemeinsamkeit und Geselligkeit. Aber ganz gleich, wie groß oder kostspielig: Die Küche als Lebensraum wird als Herz der Wohnung oder des Hauses wiederentdeckt, und bestenfalls ist sie ein Ort – im ganz wörtlichen Sinne – des guten Geschmacks. Einer Studie von Electrolux zufolge verbringt die typische Familie 175 Stunden im Monat in der Küche, aber nur 31 im Wohnraum. Familien – und Wohngemeinschaften –versammeln sich also in ihren Küchen wie früher ihre Vorfahren um das offene Feuer. Und so findet der moderne Mensch, eigentlich nur auf der Suche nach seiner kulinarischen Mitte, in der Küche seinen ganz persönlichen Lebensmittelpunkt wieder.