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Wäre alles anders gekommen, dann wäre sie womöglich Politikerin geworden. Vielleicht Sängerin. Auch Psychiatrie hätte sie interessiert. Aber Zaha Hadid hat sich für die Architektur entschieden, und das war eine gute Wahl: Sie wurde bekannt, erfolgreich, weltbekannt. Zaha Hadid ist ein Star.
Wenn sie ihr Erfolgsrezept offenbart, gibt sie sich allerdings bewusst bodenständig: Fleiß, Sorgfalt, harte Arbeit und eiserner Wille seien ausschlaggebend für ihren Ruhm. Fügt man Talent, Inspiration, Mut und ultimative Kompromisslosigkeit hinzu, fügt sich auch die Persönlichkeit zu einem Ganzen: einer Frau, die seit mehr als drei Jahrzehnten die Architekturszene aufmischt, die Bauherren das Fürchten lehrt und die Menschen weltweit das Staunen.
Kühn nennen Bewunderer ihre Ideen, tollkühn die Bedenkenträger. Ihre Gebäude zeigen sich visionär und provokativ zugleich, die Entwürfe sind radikal. Die Formen, die sie entwirft, sind mal winklig und verschachtelt wie beim Rosenthal Center for Contemporary Art in Cincinnati, mal organisch, schwungvoll und filigran trotz ihrer Größe wie beim geplanten Performing Arts Center in Dubai. Hadid baut Gebäude, die zu schweben scheinen und schafft darin offene Räume, die viele Wege ermöglichen und Bewegung stimulieren. Nicht eine Perspektive erlebt man im Inneren, sondern viele; nicht eine Form, sondern Fragmente vieler geometrischer Formen. Das fordert heraus und es regt gleichzeitig an. Ihre Entwürfe stellen hohe Ansprüche - an die Benutzer, und an die Auftraggeber sowieso: Zaha Hadid benutzt bei der Arbeit keinen Computer, sondern skizziert von Hand, völlig frei. Die Ergebnisse wirken wie eine dreidimensionale Ansammlung von Gebäudeteilen, wie abstrakte Gemälde. Das erfordert Fantasie, Vertrauen und vor allem couragierte Bauherren.
Guangzhou Opera House (Guangzhou, China), BMW Central Building (Leipzig, Deutschland), Rosenthal Center for Contemporary Arts (Cincinnati, USA) © Roland HalbeSeit Hadid 2004 den Pritzker Preis gewann – den angesehensten Architekturpreis überhaupt – kann sie sich vor Anfragen kaum retten. Das ist eine schöne Anerkennung für eine Frau, deren Karriere zunächst auf Enttäuschungen gründete. Denn Hadids Erfolg bleibt zu Anfang ihrer Tätigkeit ein sehr theoretischer: Sie wird zwar durch ihre Entwürfe bekannt, realisiert werden die Projekte allerdings selten. 1982, beim Wettbewerb um den luxuriösen Freizeitclub The Peak in Hongkong, setzt sie sich gegen 600 Konkurrenten durch – ihr großer Durchbruch. Realisiert wurde The Peak nie, weil Hongkong wieder an China übergeben wurde. 1986 gewinnt sie eine Ausschreibung für ein Bürogebäude am Kurfürstendamm in Berlin – den Auftrag erhielt ein Konkurrent. 1989: Erste beim Wettbewerb für die Neugestaltung eines Kunst- und Medienviertels in Düsseldorf – umgesetzt wird ein anderes Konzept. 1994 gestaltet sie den Siegerentwurf für das Opernhaus in Cardiff/UK – entstanden aber ist das „Millennium Centre“, ein unispirierter, gesichtsloser, multifunktionaler Zweckbau. Weil sich nur mit brillianten Ideen und visionären Entwürfen kein Geld verdienen lässt, lehrt Hadid Architektur und kann so auch in schwierigen Zeiten ihr Büro unterhalten.
Doch jetzt ist alles anders. Ihr Rosenthal Center in Cincinnati nannte die New York Times den wichtigsten Neubau in Amerika seit dem Kalten Krieg. In Salerno/Italien ensteht ein Fährterminal nach ihren Plänen, in Neapel der Bahnhof für einen Hochgeschwindigkeitszug. Sie entwirft Opern für Dubai und Guangzhou, private Wohnhäuser in Moskau und den USA, eine Krebsklinik in Kirkaldy/ Schottland, ein Verkehrsmuseum für Glasgow und das Aquatics Centre für die Olympiade 2012 in London. Zaha Hadid: Architektin, Kosmopolitin, Weltstar.
The Aqua Table, Moon System (London, UK), Z-Car (London, UK)Und nun die Stadtplanerin Zaha Hadid: eine Frau, die dem heruntergekommenen Viertel Zorrozaure in Bilbao ein anderes Gesicht und damit neues Leben geben soll. Sie wird die Halbinsel in eine Insel verwandeln, sie mit acht Brücken an die City anbinden. Auf einem 72 Hektar großen Gebiet lässt sie 6000 neue Häuser, zwei Technologiezentren und einen Park von vier Hektar Größe entstehen. Geschätzte Kosten bisher: 1,43 Milliarden Euro. Bilbaos Stadtväter wollten mehr als ein Stück Aufsehen erregende Architektur, sie wollten ein Statement. So entwirft Hadid eine Stadt, in der sich leben lässt – eine Traumstadt. 2003 erhält sie den Auftrag für das Projekt, 2010 sollen die Bauarbeiten beginnen, etwa 2030 beendet sein. Ein Lebenswerk. „Wenn man uns Architekten konsequent tun ließe, wovon wir träumen“, sagt sie, „wäre die Welt ein besserer Ort.“ Eine mutige Vision mehr, und Zaha Hadid könnte sie Realität werden lassen.
ZAHA HADID by Luke HayesGeboren wird Zaha Hadid 1950 in Bagdad, der Vater ist wohlhabender Politiker und Industrieller im damals westlich orientierten Iran. Zaha studiert zunächst Mathematik in Beirut, von 1972-77 Architektur an der angesehenen School of Architecture der Londoner Architectural Association. Ihr Lehrer dort ist neben anderen der Neoklassizist Leon Krier, von dem sie sagt, sie habe eine Menge von ihm gelernt – nämlich, wie man es nicht mache. Ihre Vorbilder: Erich Mendelsohn, Mies van der Rohe, le Corbusier. Nach dem Studium arbeitet sie beim OMA, dem Office of Metropolitan Architecture in London und macht sich 1980 selbstständig. 1982 gelingt ihr beim Wettbewerb um The Peak in Hongkong der internationale Durchbruch.
Zaha Hadid hat nicht nur als Architektin, sondern auch als Designerin, z.B. für Svarovski, Dupont, Alessi oder Established & Sons gearbeitet. 2006 wird sie mit einer Retrospektive im Guggenheim Museum in New York geehrt, bis zum November 2007 widmet ihr das Designmuseum London eine umfangreiche Ausstellung.